Zum Gedicht „Die Stadtratte – Nagetier mit Migrationshintergrund“

Lesezeit: ~6 Minuten

Wollen wir uns über die Perfidität dieses Gedichts unterhalten? Also warum es so wirkt wie es wirkt und was da drin enthalten ist? Ich mein es ist nicht gerade subtil, aber ich denke ein Aufdröseln ist trotzdem sinnvoll sprachlich und inhaltlich. #NatsAnalyse

Fangen wir bei der Überschrift an. „… die Stadtratte“ ist ein Kniff wo sich jeder Name einfügen lässt. Es bietet ein Identifikationsangebot für jede_n. Darunter der „Kanalisationshintergrund“, natürlich eine Verächtlichmachung von „Migrationshintergrund“ im Gleichklang.
Bevor wir ins Gedicht einsteigen noch ein Wort zum Bild. Eigentlich haben wir hier m „Monokel, Bart und Hut“ eine klassisch antisemitisch konnotierte Darstellung. Das kommt so im Text nicht vor, a warum man hier Ratte als Mann Beginn 20 Jh Darstellung gewählt hat ist interessant.
Zum Gedicht also: wir haben hier eine Allegorie, wo eine Ratte quasi stellvertretend für die Menschen von Braunau spricht. Diese Distanzierungsebene erlaubt andere Dinge zu sagen, als wenn man in Anspruch nimmt direkt für „die Braunauer_innen“ zu sprechen.
Aber natürlich ist die Ratte quasi ein Mensch und lebt „Vater, Mutter, Kind“ wie Menschen halt laut FPÖ zu leben haben. Solche Tier-Allegorien gibts Viele und sind nicht per se problematisch. Die Auswahl der „Ratte“ ist es halt sehr wohl. Ratten sind stark negativ konnotiert.
Pest, Krankheiten, Schmutz, Massen. In Sprache und Bild wurden und werden damit Menschen bezeichnet, die als „minderwertig“ gelten und die man eben in letzter Konsequenz ausrotten möchte. Ich brauche nicht erwähnen, dass der NS damit stark gearbeitet hat.
Diese negative Konnotation haben wir im Kopf, wenn wir das lesen und plötzlich wird uns eine nette, ordentliche Ratte präsentiert die uns aus d Kanalisation heraus Ratschläge gibt. Weil sogar die Ratten es besser begriffen haben als wir Menschen. Sogar die habens besser im Griff.
Die Idee dahinter ist, dass der Mensch nach natürlichen Gesetzen leben muss. So wie Tiere in Rudeln leben, so leben Menschen in Völkern. So wie Ratten in ihren natürlichen Familienverbänden zu leben haben, so auch die Menschen. Wir haben hier eine interessante Doppelbödigkeit.
Die literarische Form vermenschlicht die Ratten und legt soziale Strukturen aufs Tierreich um. Der Inhalt macht genau das Gegenteil und sieht Menschen einfach als weiteren Tierverbund und legt „natürliche“ Gesetze auf Menschen um. Und da wirds gefährlich.
Menschen sind dann keine sozialen Wesen mehr, sondern nur instinktgetriebene und biologisch determinierte Wesen. Soziale Prägung wird negiert. Dadurch werden Kategorien wie „Volk“ zur natürlichen Ordnung erhoben. Und damit unangreifbar für Kritik. Das ist nicht neu.
Das Gedicht inkorporiert diese Sichtweise sehr stark zb mit „Blut ist dicker als Wasser“, hier ist mit Blut aber nicht die engste eigene Familie sondern alle „Unsrigen“, also das Volk gemeint. Die Idee dahinter: das Volk ist Familie und uns verbindet ein biologisches Band.
Es wird ein Gegensatzpaar aufgemacht „wir“ und „die“. „Wir“, die die Regeln machen – „die“, die sich nicht dran halten. „Wir“, die das alles aufgebaut haben (soziale Netze) – „die“, die das zerstören. Es war also alles gut und ohne Konflikte bis „die“ gekommen sind.
Recht unscheinbar kommt da sogar die Kategorisierung „Unglück“ als quasi-Naturgesetz vor. „Unglück“ ist eine stark vorbelastete Beschreibung, wenn es um Menschengruppen geht. „Die Juden sind unser Unglück“ ist einer der bekanntesten Slogans des NS. Auch das ist bekannt.
In guter faschistischer Manier steht der Feind nicht nur außen, sondern auch im Inneren. Da kommen nicht nur „die“ und zerstören, sondern ihnen wird auch von innen geholfen. Da gibt’s plötzlich Geld (das es für „uns“ nicht gibt) und „die“ werden für ihre Kultur abgefeiert.
Es ist klar was das erzeugt: Zorn. „Wir“ sind plötzlich die wahren Opfer. „Wir“ habens hart u „unsere“ wertvolle Aufbauarbeit und unser schönes Leben wird zerstört und nicht wertgeschätzt. Während „die“ alles so leicht bekommen ohne Regeln zu befolgen. Sogar d Ratten wundern sich
Gegen Ende haben wir dann klassische Beispiele für Ethnopluralismus: Sprache, Religion, Kultur dürfen sich nicht mischen, da sie sonst zerstört werden. Über diesen Fetisch mit dem eigenen Untergang habe ich hier geschrieben:

Das ist natürlich ahistorischer Mist – menschlicher Fortschritt ist immer durch „Vermischung“ entstanden. Es gibt kaum „reine“ Kulturen oder Sprachen und wenn sind sie durch geographische Rand/Isolationslagen erklärbar. (Isländisch zb) gerade für Europa einfach nur falsch.
Nehmt allein das Wienerische her. Sprachlich ein Mischmasch aus Deutsch, Jiddisch, Roma und Sinti, Französisch, Italienisch, Ungarisch, tschechisch usw und jetzt eben BKS, Türkisch, Arabische etc-Einflüsse. Weil sich in der Sprache die Lebensrealität irgendwann abbildet. Gut so.
Bei Religion und „Kultur“ ist diese Behauptung noch wilder. Gerade das Christentum hat, friedlich oder auch nicht, inkoporiert was nur geht – römische, germanische etc Traditionen. Alles was mit Pflanzen, Eiern etc zu tun hat ist fix heidnischen Ursprungs.
Und im so geheiligten Volksbrauchtum, das beschworenen wird, haben sich zig heidnische Bräuche erhalten. Die Rauhnächte zb mit ihrem „keine Wäsche über Silvester stehen lassen“. Weil menschliches Zusammenleben so funktioniert: Als Mischung aus Vielem. Es gibt keine Reinheit.
Denn überall wo diese „Reinheit“ als Ziel beschworen und ihr eine „Natürlichkeit“ unterstellt wird liegt der Vernichtungswunsch schon drinnen. Denn um diesen reinen Zustand zu erreichen muss das Unreine raus und weg. Genau das sagt auch dieses Gedicht aus.
Ich wills nicht ewig lang machen, noch ein Wort zum Tonfall: dieser joviale, kameradschaftliche Ton erinnert an Faschingsansprachen. Das ist kein geschliffenes Versmaß. Man spürt richtig wie es Einen mit dem Ellenbogen und einem Zwinkern in den Augen anstupsen will.
Genau das war auch die Sprache des NS – dieses Joviale mit dem die größten Niederträchtigkeiten vorgetragen wurden. Und das macht auch die grausame Spannung in diesem Gedicht aus. Das Schmunzeln hinter dem Vernichtungswunsch.
Weil mich Leute fragen, ob man mich unterstützen kann. Ja kann man. Ist aber keine Verpflichtung, hilft mir nur Literatur anzuschaffen etc. Ich mach die threads aber so oder so 😊

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