Geburtenraten und Klima

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Ich kann der Claudia nicht alles zuspamen, deswegen mache ich einen eigenen Thread und einen Thread zum Thema „Geburtenraten“, da das Thema gerade auch in linken/liberalen/grünen Kreisen hochkocht. #NatsAnalyse

„It’s the birthrates, it’s the birthrates, it’s the birthrates“

So beginnt das Manifest der Terroristen von Christchurch. Immer wieder die Geburtenraten. Die der falschen Frauen und die der richtigen Frauen. Alle machen es falsch. Und auch er begründet seine Sorge um die Geburtenraten mit dem Klimawandel – zu viele Menschen auf dieser Welt.
 
Und er begründet auch seine Morde damit. Die Geburtenraten sind auch zentral in der Verschwörungstheorie des großen Austauschs. Nicht nur, dass „der Feminismus“ den weißen Frauen ausredet, Kinder zu bekommen, nein, die bösen anderen Frauen bekommen wegen des Austauschs so viele. 
Da wird herum gerechnet und Zähler werden installiert und tausende Angstszenarien gesponnen. Im Zentrum, und das muss immer im Blick haben, stehen Mütter und Babys. Die sind Schuld an globalen Problemen, die sind zu viele oder zu wenige. Auf deren Rücken wird sich selbst erhöht.
 
Wenn wir über Geburtenraten auf diese Art und Weise (Angst) reden, dann sind wir sehr schnell in einer Nützlichkeitsdebatte von Menschen. Von Neugeborenen. Wenn wir wirklich kampagnisieren, dass Leute keine Kinder bekommen sollen, was machen wir dann mit den Kindern? 
Welche Anreize schaffen wir in dieser Angst-Diskussion? Weniger Geld für Kinderbetreuung? Weniger Kreißsäle? Damit es extra mühsam wird? Geld fürs keine Kinder haben? Strafen fürs Kinder haben? Was machen wir mit den ungewollten Kindern? Was mit den Kranken? 
Welches gesellschaftliche Bild wollen wir von Eltern (Müttern)? Wollen wir, dass sie sich schämen? Sollen kleine Kinder schambehaftet und mit der ganzen Schuld aufwachsen, dass sie es sind, die Schuld an allem Übel der Welt haben? Wollt ihr so eine Gesellschaft? 
Wenn wir diese Debatte auf dieser individuellen und schuldbehafteten Ebene führen, dann werden nämliche viele Sachen (absichtlich?) nicht thematisiert. Zum Beispiel, dass Klimaschutz mit individuellem Verhalten eher nix wird und wir einen Systemwechsel brauchen. 
Der Anteil von Wirtschaft und Industrie kommt in dieser Debatte nicht einmal vor, aber dafür wird fleißig gezählt, wieviele Einwegwindeln Neugeborene verbrauchen. Finde nur ich das schräg? Wem nützt so ein autoritär-bürgerlicher Zugang? Und gegen wen richtet er sich? 
Gegen die, die zu viele Kinder bekommen. Gegen die Migrant_innen und gegen die Armen. Was hier versucht wird, ist autoritäre Fertilitätskontrolle getarnt als Life-Style-Diskurs. Schambehaftete Fragestellungen gegen unten („Wie könnt ihr nur?“) zeigen das. 
„Ob Kinder oder keine entscheiden wir alleine“ gilt nach wie vor. Und das gilt nicht nur in eine Richtung. Vielmehr sollten wir alles daran setzen, materielle Verbesserungen für Kinder, Familien und Eltern (Mütter) zu erreichen – von Hebammenbetreuung bis Kindergarten und Schule. 
Die besten Mittel gegen „Überbevölkerung“ sind immer noch Bildung, soziale Absicherung, Gesundheitsvorsorge für Mädchen und Frauen. Immer und überall. Autoritäre Diskurse getarnt als Lifestyle von edgy weißen bürgerlichen Kids schadet hier mehr als es nutzt. Es ist viel zu ernst. 
Ich halte auch wenig von politischem Fatalismus (Wir werden alle sterben, Untergang), da auch das das Geschäft der Rechten ist. Wer aufgeben will, soll das tun. Ich gebe diese Welt sicher nicht auf. Nicht für mich und nicht für meine Kinder. 
Mit einem Mythos möchte ich noch aufräumen: Frauen ohne Kinder werden nicht diskriminiert, weil sie keine Kinder haben. (Wegen anderer Sachen schon – logisch) Diskriminiert wem gegenüber? Frauen mit Kindern? Weil weniger Gehalt, Pension, unbezahlte Care-Arbeit so toll ist? 
Mütter sind auch nicht besser angesehen und alles ist gut, weil man gesellschaftliche Erwartungen erfüllt. Mütter machen prinzipiell alles falsch und die Gesellschaft hat eine Lust daran, sich an ihnen abzuarbeiten. Überall werden einem nur Steine in den Weg gelegt. 
Ich verstehe, dass die ständigen Fragen „na, wann bekommst du ein Kind“ mühsam und übergriffig sind. (Was ist mit denen, die gerne eines hätten aber nicht können?) Aber der Feind sind nicht Menschen mit Kinder. Denen wird auch nicht der rote Teppich ausgebreitet – im Gegenteil. 
Der Feind ist immer noch ein patriarchales System, das Frauen (und eigentlich niemanden) einfach machen lässt, was sie wollen und welches obsessiv mit ihrer Fertilität umgeht. Der Feind ist ein System, das auf unbezahlter Care-Arbeit aufgebaut ist und Frauen abhängig von Männern macht. 
Der Feind ist ein System, das absolut kinderfeindlich ist und für das du zugeklatscht bekommst, wenn du sagst, dass du Kinder hasst. Der Feind sind all die, die dafür sorgen wollen, dass diese Erde unbewohnbar wird für unsere Kinder. Der Feind sind nicht die Kinder. 

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