Mit Rechten reden?

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Mit Rechten reden? Ich verstehe das Bedürfnis es ihnen „mit den besseren Argumenten“ „mal so richtig zu zeigen“. Dieses Bedürfnis teile ich. Mit rechtsextremen Kadern werde ich mich nur nie auf einer Ebene befinden wo wir Argumente austauschen, reflektieren u diskutieren. Thread.

Seit den 60ern gibt es in einem Strategiewandel von Frankreich ausgehend die Idee ein 68 von rechts zu schaffen. Also eine rechte gesellschaftliche Revolution zu starten. Dazu braucht es rechtsextremen Hegemoniegewinn. Und der ist mit haudrauf-Nazismus nicht möglich.
Also hat man tiefer gegraben bis man auf Jung und Jünger, van den Bruck und Spengler gestoßen. Klingt ja gleich mal besser als Rosenberg und Goebbels. Aber auch diese rechtsextreme Ideologie konnte man nicht einfach so rausplärren, wenn man einen Blumentopf gewinnen will.
Über die letzten Jahrzehnte wurde in der Neuen Rechten ein bestechendes Arsenal an Diskursstrategien entwickelt. Vor 6 Jahren habe ich mich schon in meiner Dipl in einer Zusammenschau versucht: https://schmetterlingssammlung.net/2013/04/16/kommunikationsstrategien-der-neuen-rechten-2/amp/
Wir sehen zb Mimikry: das Nachahmen eines progressiven Diskurs, der mit anderen, gegenteiligen, Inhalten gefüllt wird. Etwa bei feministischen Diskursen.
Wir sehen die Retorsion: wenn es einen Tag gegen Gewalt an Frauen gibt, dann braucht es auch einen für Männer. Wenn es Rassismus gegen Migrant_innen gibt, dann auch gegen Österreicher_innen.
Wir sehen wie der Rahmen des Sagbaren erweitert wird durch Wiederholung und Normalisierung bestimmter Ausdrücke und Wortbilder. Sogar „der große Austausch“ wird mittlerweile völlig ironiefrei diskutiert und abgedruckt als handle es sich nicht um eine raunende Verschwörungstheorie
Das Wichtigste an all dem ist: es geht nicht um Argumente und (harten) Diskurs; es geht der Neuen Rechten einzig und allein um Diskursbeherrschung durch Diskurszerstörung.
Bleibt natürlich die Idee, dass man den Zuschauer_innen zeigt wer die besseren Argumente hat. Aber warum um alles in der Welt sollte ich (oder irgendein demokratisch gesinnter Mensch) Menschenfeindlichkeit zu mir hinauf ziehen und sie mit Augenhöhe legtimieren? Warum? Wozu?
Die Neue Rechte hat eine große Dynamik und vermittelt Dringlichkeit und Jetztzeitigkeit. Wenn nicht jetzt sofort etwas geschieht, dann gehen wir unter/ist Bürgerkrieg/whatever. Das ist auch eine Strategie. Eine Strategie von der aber wir uns nicht treiben lassen sollten.
Ich bin im Übrigen sehr dafür ÜBER Rechtsextreme und ihre Ideologie zu reden. Gerade mit unbedarften Zuschauer_innen. No na, sonst würde ich das hier nicht machen. Gerne mehr, gerne viel. Aber das wird mir in einem Setting mit ihnen nie gelingen.
Und ich halte mich für sehr versiert und denke, dass ich die Strategien, ideologischen Anspielungen und Gedankengebäude sehr schnell durchschaue, aber in einer Live-Analyse würde auch mir das Eine oder Andere entgehen. Ich finde in Texten oft Tage und Wochen später noch etwas.
Unbedarftere Menschen werden nicht wissen wie ihnen geschieht und in gelegte und vorbereitete rhetorische Fallen tappen. Nicht weil sie doof sind, sondern weil das Spielfeld schief ist.
Mit rechtsextremen Ideologen öffentlich zu diskutieren bringt also keinerlei Erkenntnisgewinn, legetimiert sie und befördert ihr Hegemoniebestreben. Sie zerstören den Diskurs und auf dieser Ebene gewinnst du auch mit den besten Argumenten keinen Meter.
Aber bitte diakutiert mit Leuten, die rechtsextreme Diskurse historisch-analytisch einbetten können u wissen wie sie denken und was sie wollen.
Das bringt hohen Erkenntnisgewinn. Ich denke zB an Bernhard Weidinger, Julian Bruns, @kaethe_gloe @KatQuat @MenschMerz @lafilledevienne
Neben Worten betrifft das im Übrigen auch Bilder. Es gibt auch sehr spannende Bild-Strategien im Rechtsextremismus. Da also auch immer kritisch sein. Aber das ist für ein ander Mal. Ende.

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