Geburtenraten und Klima

Ich kann der Claudia nicht alles zuspamen, deswegen mache ich einen eigenen Thread und einen Thread zum Thema „Geburtenraten“, da das Thema gerade auch in linken/liberalen/grünen Kreisen hochkocht. #NatsAnalyse

„It’s the birthrates, it’s the birthrates, it’s the birthrates“

So beginnt das Manifest der Terroristen von Christchurch. Immer wieder die Geburtenraten. Die der falschen Frauen und die der richtigen Frauen. Alle machen es falsch. Und auch er begründet seine Sorge um die Geburtenraten mit dem Klimawandel – zu viele Menschen auf dieser Welt.
 
Und er begründet auch seine Morde damit. Die Geburtenraten sind auch zentral in der Verschwörungstheorie des großen Austauschs. Nicht nur, dass „der Feminismus“ den weißen Frauen ausredet, Kinder zu bekommen, nein, die bösen anderen Frauen bekommen wegen des Austauschs so viele. 
Da wird herum gerechnet und Zähler werden installiert und tausende Angstszenarien gesponnen. Im Zentrum, und das muss immer im Blick haben, stehen Mütter und Babys. Die sind Schuld an globalen Problemen, die sind zu viele oder zu wenige. Auf deren Rücken wird sich selbst erhöht.
 
Wenn wir über Geburtenraten auf diese Art und Weise (Angst) reden, dann sind wir sehr schnell in einer Nützlichkeitsdebatte von Menschen. Von Neugeborenen. Wenn wir wirklich kampagnisieren, dass Leute keine Kinder bekommen sollen, was machen wir dann mit den Kindern? 
Welche Anreize schaffen wir in dieser Angst-Diskussion? Weniger Geld für Kinderbetreuung? Weniger Kreißsäle? Damit es extra mühsam wird? Geld fürs keine Kinder haben? Strafen fürs Kinder haben? Was machen wir mit den ungewollten Kindern? Was mit den Kranken? 
Welches gesellschaftliche Bild wollen wir von Eltern (Müttern)? Wollen wir, dass sie sich schämen? Sollen kleine Kinder schambehaftet und mit der ganzen Schuld aufwachsen, dass sie es sind, die Schuld an allem Übel der Welt haben? Wollt ihr so eine Gesellschaft? 
Wenn wir diese Debatte auf dieser individuellen und schuldbehafteten Ebene führen, dann werden nämliche viele Sachen (absichtlich?) nicht thematisiert. Zum Beispiel, dass Klimaschutz mit individuellem Verhalten eher nix wird und wir einen Systemwechsel brauchen. 
Der Anteil von Wirtschaft und Industrie kommt in dieser Debatte nicht einmal vor, aber dafür wird fleißig gezählt, wieviele Einwegwindeln Neugeborene verbrauchen. Finde nur ich das schräg? Wem nützt so ein autoritär-bürgerlicher Zugang? Und gegen wen richtet er sich? 
Gegen die, die zu viele Kinder bekommen. Gegen die Migrant_innen und gegen die Armen. Was hier versucht wird, ist autoritäre Fertilitätskontrolle getarnt als Life-Style-Diskurs. Schambehaftete Fragestellungen gegen unten („Wie könnt ihr nur?“) zeigen das. 
„Ob Kinder oder keine entscheiden wir alleine“ gilt nach wie vor. Und das gilt nicht nur in eine Richtung. Vielmehr sollten wir alles daran setzen, materielle Verbesserungen für Kinder, Familien und Eltern (Mütter) zu erreichen – von Hebammenbetreuung bis Kindergarten und Schule. 
Die besten Mittel gegen „Überbevölkerung“ sind immer noch Bildung, soziale Absicherung, Gesundheitsvorsorge für Mädchen und Frauen. Immer und überall. Autoritäre Diskurse getarnt als Lifestyle von edgy weißen bürgerlichen Kids schadet hier mehr als es nutzt. Es ist viel zu ernst. 
Ich halte auch wenig von politischem Fatalismus (Wir werden alle sterben, Untergang), da auch das das Geschäft der Rechten ist. Wer aufgeben will, soll das tun. Ich gebe diese Welt sicher nicht auf. Nicht für mich und nicht für meine Kinder. 
Mit einem Mythos möchte ich noch aufräumen: Frauen ohne Kinder werden nicht diskriminiert, weil sie keine Kinder haben. (Wegen anderer Sachen schon – logisch) Diskriminiert wem gegenüber? Frauen mit Kindern? Weil weniger Gehalt, Pension, unbezahlte Care-Arbeit so toll ist? 
Mütter sind auch nicht besser angesehen und alles ist gut, weil man gesellschaftliche Erwartungen erfüllt. Mütter machen prinzipiell alles falsch und die Gesellschaft hat eine Lust daran, sich an ihnen abzuarbeiten. Überall werden einem nur Steine in den Weg gelegt. 
Ich verstehe, dass die ständigen Fragen „na, wann bekommst du ein Kind“ mühsam und übergriffig sind. (Was ist mit denen, die gerne eines hätten aber nicht können?) Aber der Feind sind nicht Menschen mit Kinder. Denen wird auch nicht der rote Teppich ausgebreitet – im Gegenteil. 
Der Feind ist immer noch ein patriarchales System, das Frauen (und eigentlich niemanden) einfach machen lässt, was sie wollen und welches obsessiv mit ihrer Fertilität umgeht. Der Feind ist ein System, das auf unbezahlter Care-Arbeit aufgebaut ist und Frauen abhängig von Männern macht. 
Der Feind ist ein System, das absolut kinderfeindlich ist und für das du zugeklatscht bekommst, wenn du sagst, dass du Kinder hasst. Der Feind sind all die, die dafür sorgen wollen, dass diese Erde unbewohnbar wird für unsere Kinder. Der Feind sind nicht die Kinder. 

Orte des Verbrechens ohne Namen und ohne Gedenkstein

Ich möchte auch etwas fragen: Ohne Googeln. Welche Stätten und Orte in Österreich der Nazi-Verbrechen, also der konkreten Verbrechen von Genozid und Vernichtung, kennt ihr oder habt ihr in der Schule kennengelernt? Außer Mauthausen. Und was habt ihr zu Mauthausen gelernt? 
Und nächste Frage: Außerhalb Österreich in Europa? Die KZs in Deutschland? Die Vernichtungslager? Wie viele könntet ihr namentlich nennen? Und wisst ihr von den Massakern? Könntet ihr Orte nennen? 
Und eine Frage habe ich noch: Was wisst ihr von den Verbrechen außerhalb Europas? Der Nazis? Der italienischen Faschisten? Der japanischen Armee?
 
Was ist, wenn ich euch für Österreich neben den Genannten noch Rechnitz oder Goldegg sage? Oder das Gestapo-Gefängnis in Wien beim Schwedenplatz? Oder Wiener Neustadt oder die Seegrotte Hinterbrühl? Oder Melk? Oder, oder, oder? 
Oder wie Mauthausen ausgeschaut hat 1945. Es wurde als letztes Lager befreit und aus ganz Europa gab es Todesmärsche der Häftlinge nach Mauthausen. Die wurden höchstens provisorisch untergebracht oder mussten im Freien schlafen. Und starben der Reihe nach und wurden verscharrt.
Und das gibt es für ganz Europa. Lest euch mal die Verbrechen der SS und der Wehrmacht an der Ostfront durch, von denen wir nur vage, wenn überhaupt, Vorstellungen haben. Die Einsatzgruppen, Wehrmacht, SS. Zu viele Orte, Kiew, Vilnius und viele unbekannte kleine Dörfer. 
Aber auch weiter westlich. Marzabotto – ein ganzes Dorf bei Bologna wurde in wenigen Tagen dem Erdboden gleich gemacht, aus Rache, weil Partisanen in der Gegend waren. Man kann sich das heute noch anschauen. Am Friedhof wurden die Leute erschossen. Oder auch Thessaloniki. 
Und außerhalb Europas ist Vieles unbekannt. Gerade die Taten der japanischen Armee, die über 2 Millionen Menschen umgebracht haben. Könnt ihr euch das vorstellen? Ich auch nicht. 
Was ich sagen will: Wir kennen ein paar Stätten, viele fallen uns nach langem Nachdenken ein. Aber es gibt so viel mehr Orte des Verbrechens ohne Namen und ohne Gedenkstein. Da werden jetzt Häuser mit Pool gebaut. Was glaubt ihr, was in der Erde um Mauthausen ist? 
Europas Boden ist voll mit den Überresten der NS-Opfer. Oft erinnert nichtmal ein Schild daran. Es sind zu viele Orte. Und wir gehen, stehen und leben jetzt darauf. Macht mit diesem Gedanken was ihr wollt, aber vergesst das nicht. 

Die Methode Don Alphonso

Ok, lasst uns nochmal über Don Alphonso reden und warum sein Verhalten und das seiner Kritiker_innen nicht das Selbe ist. Ich bitte alle Rechten schoneinmal die Screenshot-Funktion zu zücken, ihr werdet sie brauchen. Schauen wir uns das mal an. #NatsAnalyse 
Ich behaupte sogar, dass es sich um diametral unterschiedliche Dinge handelt, die hier passieren. Die Methode Don Alphonso ist ja die der rechten Troll-Methodik, aber mit der Legitimation eines anerkannten Journalisten. Das gibt es immer wieder und ist perfide. 
Wir kennen rechte Trolls – die sind nur da, um Ärger zu machen und Leute persönlich anzugehen. Oft anonyme Accounts, die ohne inhaltlichen Grund per se einzelne Accounts einer ebenso auf Trollen eingestellten Userschaft zum Fraß vorwirft. Es findet keine Auseinandersetzung statt.
 
Niemand, der_die eine gewisse Reputation wahren will, kann sich ernstlich auf solche Accounts beziehen. Und da kommen solche Menschen wie DA ins Spiel. Er übernimmt die Methode und legitimiert sie, weil er seine Reputation und die der Welt mitnimmt und drüber stülpt. 
Hier findet also ein Legitimationsprozess statt. Er bricht immer mehr Tabus des demokratisch legitimierten Diskurses. Wir haben uns als Gesellschaft ausgemacht, dass gewisse Dinge diskursiv nicht in Ordnung sind, Leute einfach derb beschimpfen zb. Er löst diese Regeln auf. 
Damit trägt er aber dazu bei, dass diese Logiken, die außerhalb des Akzeptierten gestanden sind nun gesellschaftsfähig werden. Weil eine Person, die zur gesellschaftlichen Elite gehört sich ihrer bedient und den Sanktus eines anerkannten Mediums dafür bekommt. 
Es geht hier nicht nur um Form, sondern auch um Inhalt. Weil ein rechter Shitstorm ja etwas bewirken soll – Menschen sollen rausgedrängt werden aus dem Diskurs. Das persönliche Risiko soll zu groß werden, so dass man seine Meinung nicht mehr sagt. Damit verschwinden Standpunkte. 
Und wenn ich von persönlichem Risiko spreche, dann spreche ich v Mord und Vergewaltigungsdrohungen. Die sind nie in Ordnung. Sie treffen bei rechten Shitstorms aber auch noch zusätzlich Leute, d kein Sicherheitsnetz haben. Keine Zeitung, kein Institut, das sich hinter sie stellt. 
Accounts wie DA sind also rein destruktive Accounts, die nichts anderes wollen als den demokratischen Diskurs zu (zer)stören, indem sie sich der Methodik der extremen Rechten bedient und dabei die Protektion anerkannter gesellschaftlicher Institutionen genießt. 
Was machen nun seine Gegner_innen? Das genaue Gegenteil! Sie setzen sich inhaltlich auseinander, recherchieren Quellen, verfassen Artikel und Threads, teilen Wissen und erarbeiten im Austausch untereinander eine Übersicht der menschenverachtenden Systematik. 
Es ist eigentlich ein ziemlich beeindruckendes Zusammenkommen vieler Menschen, die ihre Zeit u Mühe dafür nützen Andere aufzuklären, Angriffe festzuhalten und damit andere User_innen schützen u Solidarität zeigen. Das ist das Gegenteil eines Shitstorms. Das ist ein d Stirn bieten.
 
Endlich steht einmal wer auf gegen die Einen, der immer Schwächere virtuell verdrischt. Und steht Eine auf, stehen plötzlich Viele auf. Das ist digitale Zivilcourage. 
Merkt ihr den Unterschied? Rechte Shitstorms gehen nach Unten und beleidigen Leute dort, wo es weh tut, weil es rassistisch, misogyn etc ist. Sie beleidigen das Aussehen der Person und Gewaltdrohungen sind inhärenter (und gewünschter) Teil. 
Das was hier und jetzt gegen DA abgeht ist hingegen mit Recherche, Diskussion, Quellenangaben (und sogar dem Abspeichern von Quellen, damit es ja immer nachvollziehbar bleibt). Der Unterschied ist nämlich (bitte Screenshot bereit halten), dass Linke nicht bewusst lügen dürfen.
 
Jede Unachtsamkeit in der Recherche, jedes falsch wiedergegebene Zitat würde den ganzen Artikel unbrauchbar machen. Und das wissen die Leute und deswegen haben wir hier in kürzester Zeit penibel genaue Recherchen bekommen. Das ist kein Shitstorm sondern Kritik. 
Während auf rechter Seite ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat oder eine glatte Lüge fürs Wegmobben reichen. Siehe zb der Versuch aus einer Kette mit Messeranhänger eine Drohung zu bastelt. Niemand recherchiert, niemand liefert Quellen, niemanden geht es um Inhalte. 
Jetzt mag heftige aber berechtigte Kritik u ein Shitstorm ein einziges gl Wesensmerkmal haben, das unangenehm ist, nämlich massenhaft an 1 Person adressierte Tweets. Das allein reicht aber nicht für e ernsthaften Vgl. Machtverhältnisse, Inhalt, Intention spielen auch eine Rolle. 
Alle Tippfehler dürft ihr wie immer behalten, ich hab versucht nebenbei das Baby zu bespaßen. Das Schöne an dem Ganzen ist einfach, dass es irgendwann tatsächlich einfach reicht. Bravo @ebonyplusirony, die sich gewehrt und das alles angestoßen hat. 

Hier der beeindruckend recherchierte Artikel von @stephanpalagan

mentions Postet gerne weitere Threads, Einschätzungen, Analysen, Artikel hier darunter. 

Auch @SsamanMardi sehr lesenswert

q.e.d.

Was ist Faschismus?

Ihr wollt über Faschismus reden? Lasst uns über Faschismus reden! Gehen wir der Frage nach warum es (Überraschung!) keinen „linken Faschismus“ gibt. Wieviel Zeit habt ihr? Das könnte länger dauern. #NatsAnalyse 
Das Thema kann man von ganz vielen Seiten tackeln. Für mich am Wichtigsten ist die Ideologie des Faschismus. Warum diese Sichtweise aber nicht reicht erkläre ich euch am Schluss (Spannungsbogen ahoy!). Faschismus beschreibt also eine spezifische Sicht auf die Welt. 
Roger Griffin beschreibt Faschismus in aller Kürze als „palingenetischer Ultranationalismus“. Faschismus hat also die (gewaltsame) Wiedergeburt der Nation zum Ziel. Das Jetzt ist dekadent, verlottert, trist und schlecht. Herabgewirtschaftet von bösen oder Inkompetenten Kräften. 
Faschismus ist das Versprechen einer besseren, glorreichen Zukunft. Auf Basis von Volk und Nation. Und es wird nicht nur ein bisi besser, sondern es kommt ein ganz neues System, eine Zeitenwende, eine neue Ära, ein goldenes Zeitalter. Das ist wichtig. 
Die kompromisslose Utopie, die Errettung aus der Tristesse des Jetzt ist der größte Attraktivitätsfaktor. Faschismus ist nicht bloße Negation, sondern eben Utopie für die Anhänger_innen. Das Jetzt muss überwunden werden für eine glorreiche Zukunft. Wie soll das passieren? 
Die Sache ist nämlich: Volk und Nation sind eigentlich groß und werden nur klein gehalten. Und klein gehalten werden sie von (Überraschung) den Juden. Die haben nämlich eigene Interessen, die absolut inkompatibel mit denen der Nation sind. 
Nation ist nämlich nicht nur eine soziale oder politische Kategorie, nein im Faschismus transzendiert sie alles. Sie ist Gefühl, Existenz und absoluter Wert in einem. Nation und Volk sind unhinterfragbare Kategorien außerhalb jedes Diskurses. Sie sind einfach. Punkt. 
Was ist der Unterschied zwischen Nation und Volk? Im faschistischen Idealfall ist das Deckungsgleich. Aber die Realität ist oft nicht so, deswegen ist eine der wichtigsten Aufgaben im Faschismus, die die nicht zur Nation gehören aus ihr zu beseitigen. Mit allen Mitteln. 
Und die, die zum Volk gehören, aber (noch) nicht zur Nation gehören „heim“ zu holen. Am Ende steht eine völkisch reine und gesäuberte Nation. Dieser Reinheitsgedanke ist essentiell im faschistischen Denken. Bloß keine Vermischung, bloß kein Kontakt, bloß alles rein. 
Das liegt daran, dass Faschismus von der Eindeutigkeit und von der Ordnung lebt. Alles hat seinen Platz, alles hat seine Funktion. Es gibt keine Ambivalenz, keine Dialektik, keine Interessensgegensätze. Er seht hier sehr gut wie diametral das zb Marxismus gegenüber steht. 
Faschismus ist nämlich eine idealistische und irrationale Ideologie. Bevor jetzt alle in ihre Tasten hämmern, hört mir zu wie ich das meine: idealistisch im Gegensatz zu materialistisch. Nicht das Sein bestimmt das Bewusstsein, sondern Zugehörigkeit zu Volk u Nation bestimmt Sein.
 
Und irrational im Sinne, dass es unhinterfragbare Dogmen gibt und das sind, wie angesprochen, Volk und Nation. Die werden nicht analysiert oder mit ökonomischen Formeln aufgedröselt oder neu definiert. Die sind einfach. Punkt. Das ist so wichtig bei diesen unsäglichen Vergleichen.
 
Marxismus hat ökonomische Kategorien, Formeln, Analysen und Ableitungen sowie wissenschaftliche Methodik. Alle Kategorien sind einer permanenten Debatte und Prüfung unterzogen. Klasse ist kein mystifizierter Begriff sondern ökonomische, politische, soziale Kategorie. 
Ok also wir wissen jetzt WIE Faschismus denkt. Aber was denkt er? Antisemitismus haben wir ja schon beschrieben. Die Idee, dass da Leute sitzen, die permanent nur am Verderben der Nation arbeiten ist zentral, weil Faschismus eine Untergangsideologie ist. 
Die Nation ist permanent bedroht, von innen wie von außen. Und was macht man, wenn man bedroht ist? Man wehrt sich. Die Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung der Juden und Jüdinnen war demzufolge ein Akt der Selbstverteidigung. 
Wir oder die, es können nicht beide gleichzeitig leben, also lieber wir. In dieser Welt der Eindeutigkeit gibt es eben kein Miteinander und keine Verständigung. Und das auf Grund der bloßen individuellen Existenz. Du kannst dich ja nicht entziehen oder abschwören. 
Die Kategorisierung als „Jude“ ist ja keine Selbstbezeichnung, sondern e Kategorie, d im Faschismus vergeben wird. Du wirst zum „Juden“ gemacht. Du kannst dich dem nicht entziehen. Das ist d Perfidität, es geht nur um das weg d „Anderen“. Faschismus ist eine Vernichtungsideologie.
 
Ok kurzer Zwischenstopp: Faschismus hat Einheit von Volk und Nation zum Ziel, die jeweils unhinterfragbare Kategorien sind. Faschismus ist eine Untergangs- und Vernichtungsideologie, die sich im permanenten Abwehr- und Endkampf wähnt. Wir oder die. 
Es sind aber nicht nur „die Juden“, die gegen die Nation arbeiten, sondern auch der politische Hauptfeind: Linke/Sozialist_innen/Kommunist_innen. Anti-Marxismus ist eine zentrale ideologische Komponente, die gern unter den Tisch fällt. Ist es aber nach wie vor. 
Die arbeiten nämlich gerne mit Juden u Jüdinnen zusammen, es gibt also eine jüd-bolschewistische Verschwörung zum Schaden d Nation. Auch dieses Bild wird gerne heute noch chiffriert verwendet, immer dann wenn v „Globalisten“ gesprochen wird zb, mit denen elitäre Linken arbeiten.
 
Und dann gibt es noch die, die eine physische Schwächung der Nation bedeuten – die Armen, die Kranken, die mit Beeinträchtigungen, die Obdachlosen. Alles was schwach ist muss auch raus. Schwäche gehört vernichtet. Faschismus ist eine Ideologie der Härte. 
(Kommt ihr noch mit? Oh Gott das ist eher Stoff für eine Ring-VO) 
Also Untergang, Wiedergeburt, Abwehrkampf, Reinheit, Härte, Irrationalität und Idealismus, Utopie, Feindvernichtung sind bis jetzt die zentralen Begriffe bis jetzt. Es gibt aber auch die Akteure des Faschismus. Im Kern steht immer der soldatische Männerbund. 
Das Jetzt wird als verdorben und dekadent und verweiblicht empfunden und dem steht der virile, junge Mann gegenüber der für Volk und Nation kämpft. Faschismus ist also auch immer überhöhte und gewalttätige Männlichkeit.
 
So ich habe jetzt ein wenig das faschistische Denken skizziert. Das allein ist aber zu wenig im Faschismus zu verstehen. Faschismus hat immer auch eine soziale und politische Erscheinungsform, die nach Epoche und Land unterschiedlich ist. 
Es gibt das unterschiedliche Ansätze. Frühe marxistische Theorien sahen Faschismus als bloßes Mittel zur Spaltung der arbeitenden Klasse u haben die SPD auch gleich mit rein genommen. Kaum haltbar u sehr undifferenziert. Bürgerliche Theorien suchten Gleichsetzung mit Stalinismus. 
Dazu muss auch einige ignorieren, vor allem die ideologischen Spezifika des Faschismus und seinen inhärenten Vernichtungsanspruch. Modernere Theorien gehen das viel differenzierter an. Ich verweise auf Gramsci und v.a. Poulantzas, der auch sehr gut den Weg Richtung F beschreibt. 
Es ist ja nicht an einem Tag Demokratie u am nächsten Faschismus. Im Kapitalismus reagieren bürgerliche Kräfte an der Macht auf Hegemonieverlust zunächst m autoritären Antworten, d sich in Richtung Ausnahmestaat (wo auch Faschismus reinfällt) entwickeln können aber nicht müssen. 
Da würde ich jetzt ein ganzes neues Kapitel aufmachen, aber wichtig ist: Faschismus ist nicht ein plötzlicher Punkt in der Geschichte sondern am Ende eines politischen Prozesses, der nicht determiniert ist. Faschismus und faschistische Entwicklung gehören kontextualisiert. 
Faschismus ist letztlich auch ein Herrschaftsinstrument zudem eine gewisse Fraktion der bürgerlichen Klasse (durchaus mit Allianzen zu Depravierten) bereit ist um in letzter Konsequenz ihre Stellung in der Gesellschaft auszubauen oder abzusichern. 
Ok nachdem mich jetzt schon die liebreizenden und wahnsinnig konstruktiv diskutierenden rechten Trolle entdeckt haben komme ich zum Schluss: Faschismus ist e komplexes ideologisches System, das nicht nur in der Negation besteht. Gleichzeitig erfüllt er e soziale u polit Funktion.
 
Umberto Eco hat die Komponenten gut runter gebrochen. Das ist der einfachste Text zum ideologischen Verständnis von Faschismus. zeit.de/1995/28/Urfasc… 
Faschismus ist seiner Denk- und Funktionsweise diametral unterschiedlich zu materialistischem und marxistischem Denken. Ein linker Faschismus ist Widerspruch in sich. Faschismus ist rechts. Faschismus ist völkisch. 
Es gibt ungefähr noch 10.000 Dinge zu sagen sowohl zu Ideologie als auch konkreter Ausformung, aber ich hoffe ich konnte zumindest einen kleinen Einblick geben was Faschismus ausmacht. Es gibt natürlich Unterschiede und Spezifika nach Ländern und Zeit. 
Und dann wären da noch die feinen Abgrenzung zu Rechtsextremismus, Autoritarismus, Bonapartismus oder Begriffe wie Faschisierung und Prä-Faschismus, aber dazu ein anderes Mal. Habt ein schönes Wochenende. 
(Ich chain blocke alle, die Don Alphonso folgen. Ich lasse mich hier nicht weg treten. Nur als Warnung) 
So jetzt ist es soweit. Ich finde meinen eigenen thread zu unübersichtlich. Was hält ihr davon wenn ich einzelne Aspekte raus nehme und einzeln erkläre? Ist es euch schon zu viel? Wäre eine Art Twitter-Vorlesung zu festen Zeiten mit festen Einheiten. Zu sehr Uni? 

Das Problem (der) Extremismustheorie

Die immer wieder kehrende Extremismustheorie. Eine der denkfaulsten Konstruktionen der Politikwissenschaft (und das heißt was). Schauen wir uns das mal genauer an. #NatsAnalyse
Ich könnte ja damit beginnen, dass ihre eifrigsten Verfechter und Begründer gar nicht so mittig sind wie sie sich selbst geben. antifainfoblatt.de/artikel/der-ex… 
Das spielt alles mit, aber nehmen wir die Extremismustheorie einfach für 5 Minuten ernst und schauen uns an was sie besagt und warum sie nicht nur problematische Verfasser und eine problematische politische Funktion hat, sondern auch inhaltlich schwierig ist. 
Die Extremismustheorie geht davon aus, dass es eine gute Mitte in der Gesellschaft gibt. Diese Mitte zeichnet sich dadurch aus, dass sie gut. Von dieser Mitte gibt es zwei gleich weit entfernte Extreme, die schlecht sind: der Rechtsextremismus und der Linksextremismus. 
Das wird dann gern als Hufeisen dargestellt und mit einer Stimme voll Gravitas als „Die beiden Ränder sind sich einander näher, als sie glauben.“ vorgetragen. Hier wird vor allem eine formelle Abgrenzung vollzogen. Mitte – Rand/Extrem. Mitte = gut. Extrem = böse. 
Hier haben wir schon das erste Problem: es ist eine komplett bürokratische und depolitisierte Sichtweise. Mit dieser Sicht auf die Dinge muss man sich überhaupt nicht damit beschäftigen wie diese „Extreme“ überhaupt denken. Und auch nicht was die „Mitte“ denkt. 
Den beiden Extremen werden Wesensmerkmale abgedichtet, die die Unterschiede irrelevant machen sollen: Ablehnung des Staates, Gewalt und gemeinsame Feindbilder wie die USA oder Kapitalismus. 
Und damit haben wir schon das nächste Problem: ein völliges Verkennen was Faschismus ist, welche Funktion er hat, wie er ideologisch aufgebaut ist, welche Feindbilder er hat und wie er sein Ziel erreichen will. Das Selbe für Marxismus. 
Und dann wäre da noch diese tolle Mitte. Alles Schlechte in einer Gesellschaft wird in die Extreme geschoben, während die „Mitte“ erstrebenswert ist. Diverse „Mitte“-Studien (Deutsche Zustände zb) zeigen, dass menschenfeindliches Denken aber gerade dort zuhaus ist. 
Und dann haben wir noch das Problem mit der Abgrenzung. Angeblich ist da zack eine undurchdringliche Mauer zwischen Mitte und Extrem und die auf der einen Seite sind gut und die auf der anderen Seite sind böse. Und es gibt keinen Austausch und nix. Bisi naiv. 
Und zu guter letzt ist das Problem, dass diese Theorie völlig antiquiert auf Organisationen und Personen und nicht auf Ideologie und Hegemonie fixiert. So diese 7 Organisationen und diese 5 Personen sind böse und wenn die weg sind, dann gibt es keinen Extremismus. 
Ihr sehr es gibt viele Probleme mit diesem Denken und es wie aus der Zeit gefallen. Es wäre eine Skurrilität der Geschichte, würden sich nicht an sich intelligente Erwachsene noch immer darauf versteifen oder wäre es nicht Grundlage für die Arbeit des Verfassungsschutzes. 
Es geht sich hinten und vorne nicht aus, weil die Realität halt so ist: Faschismus hat eine völkisch homogene Gesellschaft (das Volk) zum Ziel. Um dies zu erreichen müssen alle, die nicht dazugehören raus. Raus geht von Diskriminierung bis Vernichtung. 
Die die nicht dazu gehören werden völkisch definiert, also jene die den Volkskörper physisch (Juden, Muslime, Menschen mit Behinderung, Obdachlose etc). Und sie werden politisch definiert, die die geistig und politisch schwächen. Das sind vor allem Linke, aber auch Liberale etc. 
Die Chuzpe der Extremismustheorie ist es den politischen Hauptfeind, aus dem der Faschismus nie ein Hehl gemacht hat, mit Faschismus gleichzusetzen. Die, die KZs wieder aufsperren wollen und die Ersten, die drinnen sitzen sollen sind in diesem Denken gleich schlimm. 
Und dieses Denken einer homogenen völkisch definierten Gemeinschaft ist das Endziel jeder rechtsextremen und faschistischen Ideologie. Manche sind mehr so und manche mehr so. Manchen sehnen sich nach Hitler, andere lesen bei Edgar Julius Jung nach, aber das sind nur Spielarten. 
Ich bin die erste die differenziert und ich habe großen Spaß daran das rechtsextreme Spektrum aufzufächern. Ich gestehe Unterschiede und Konflikte zu. Aber rechtsextreme und faschistische Ideologie lässt sich straight und kohärent auf gemeinsame Punkte bringen.
 
Im Gegensatz zu diesem ominösen Linksextremismus. Als gemeinsamen Referenzpunkt nehme ich Marxismus her, aber ich denke das stimmt für 50% der als Linksextreme eingeordneten nichtmal mehr. Hambacher Forst hat wahrscheinlich nicht Marxismus als Referenz. 
Es gibt diese kohärente ideologische Beschreibung „linksextremer“ Ideologie nicht wie im Rechtsextremismus. Hier wird einfach ein Wortgleichklang konstruiert, um eine Wesensähnlichkeit zu suggerieren. Das soll all jene diskreditieren, die unter „Linksextremismus“ fallen. 
„Linksextremismus“ ist ein loses Sammelsurium aus den abenteuerlichsten Gruppen. Von maoistischen Gruppen über die PKK bis hin zu Umweltschutz und AntiFa. Alles was in die vage Richtung „bessere Welt“ geht steht im Verdacht des „Linksextremismus“. 
Und wenn wir den angesprochenen Marxismus hernehmen, der btw im Gegensatz zu Faschismus eine wissenschaftliche Theorie samt Methode ist, dann wird es noch kruder. Es gibt so viele Ausformungen, man müsste den Wissenschaftsbetrieb verbieten, wenn man Marxismus verbietet. 
Auch Gewalt ist kein hinreichendes gemeinsames Merkmal. Zum Einen ähnelt die Gewalt von Faschisten jener „Gewalt“ zb von Ende Gelände in kleinster Weise – wo ist hier eine phänomenologische Gleichheit? Wo ist ein Muster? Die Einen jagen Menschen, die Anderen besetzen einen Tagbau.
 
Es gibt keine wissenschaftliche Methode die sagt „Ah ja genau, das fassen wir jetzt als ähnlich genug zusammen und in Abgrenzung zu allen anderen gesellschaftlichen Gruppen“. Jetzt kommt es nämlich: Gewalt findet ja gerade auch in dieser Mitte statt. 
Darüber nachzudenken, ob man Menschen ertrinken lässt ist Gewalt. Vom Bürgerkrieg zu fantasieren ist Gewalt. Physische Gewalt findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern wird diskursiv vorbereitet. Deswegen ist es auch völliger Humbug Ideologie an Organisationen festzumachen. 
Ideologie wird über Sprache und Diskurs transportiert. Dass was wir in unserer Gesellschaft als akzeptables Verhalten sehen ist Ausmachungssache. Jeden Tag ringen wir hier um Konsens. Und dieser Konsens wird seit Jahren stetig nach rechts verschoben. 
Und das passiert nicht von irgendwelchen Nazis an irgendwelchen Rändern, sondern innerhalb dieser vermeintlich guten Mitte. Denn, taadaaa, es gibt gar keine undurchdringliche Mauer zwischen „Mitte“ und „Extrem“. Das fließt viel ineinander, das sind kommunizierende Gefäße. 
Und genau da wo jemand einen Anruf von Bundestagsabgeordneten und einen Anruf von Nazischlägertrupps entfernt ist, da ist die Neue Rechte. Ein Spektrum, das mit der Extremismustheorie nicht erfassbar ist und wohl auch nicht erfasst werden soll. 
So zusammenfassend: die Extremismustheorie:
– konstruiert einen kohärentes „Linksextremismus-Spektrum“, das es so nicht gibt
– Entschuldet eine vermeintliche Mitte, obwohl erwiesenermaßen dort auch menschenfeindliches Denken statt findet
– verharmlost Faschismus 
– zieht gedankliche Mauern zwischen „Extrem“ und „Mitte“ ein, die die Kontakte verschleiern
– kann die Neue Rechte nicht erfassen
– hat einen problematischen und hanebüchenen Gewaltbegriff
– erfasst ideologisch weder Faschismus noch Marxismus
– ist antiquiert formalistisch 
– hat in der Praxis mehrfach versagt wie die eher nur mittelgute Performance des Verfassungsschutzes bei Rechtsextremismus zeigt (NSU, Hannibal, dies das)
– setzt die Hauptfeinde des Faschismus mit Faschismus gleich
– konzentriert sich antiquiert auf Personen und Organisationen 
– ist wissenschaftlich nicht haltbar
– ist an diesem Punkt in der Geschichte schlicht gefährlich
– trägt dazu bei, dass sich das diskursive Spektrum immer weiter nach rechts bewegt
– hat problematische Verfasser
– ist nicht neutral, wie behauptet 
Deswegen vergesst die Extremismustheorie und schaut euch immer ganz genau an: was wollen bestimmte politische Kräfte? Was ist ihr Endgame? Wie wollen sie dort hin kommen? Wen beinhaltet das und wer steht im Weg? Und dann urteilt selbst von wem welche Gefahr ausgeht. 

Gerne könnt ihr hier noch gute Artikel darunter kommentieren. Das lasse ich wie immer da